Verbände kritisieren Pläne der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden und fordern
Neuausrichtung
Die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) planen neben dem sogenannten
Zukunftskraftwerk ein weiteres Gaskraftwerk auf der Ingelheimer Aue zu bauen. Zu diesen
Plänen regt sich Protest verschiedener Verbände und Institutionen.
“Strom aus Gas ist teuer und extrem klimaschädlich”, so Prof. Friedhelm Schönfeld von
den Scientists for Future Mainz. “Aufgrund extremer Trockenheit als eine Folge des
Klimawandels gab es im Westerwald bereits die ersten größeren Waldbrände – und dies
im April”. Daher sei es unverantwortlich, bei diesen seit geraumer Zeit bekannten Fakten
weiterhin auf eine fossile Energieversorgung zu setzen. „Alternativen sind hinlänglich
bekannt, erprobt und wesentlich kostengünstiger,“ betont Schönfeld.
Fragen, Bedenken und Wünsche können über die zuständige Struktur- und
Genehmigungsdirektion Süd (SGD Süd) mit der KMW besprochen werden. Darüber
hinaus konnten bis zum 9. April Einwendungen bei der SGD Süd eingereicht werden. Die
SGD Süd ist als staatliche Stelle u.a. für die Genehmigung des Gasmotorenkraftwerks
zuständig. Insgesamt gingen zehn Einwendungen gegen das aktuell geplante, zweite
Gaskraftwerk ein. Einwendungen gab es von großen Umwelt- und Naturschutzverbänden,
Wirtschaftsverbänden und der Klimabewegung, so von den Scientists for Future und der
Bürgerinitiative MainzZero.
Erörterung der Einwendungen kurzfristig abgesagt
Am 27. April wurde die für den 7. Mai anberaumte Erörterung der Einwendungen abgesagt.
Die Einwendungen seien „hinreichend begründet und konkret“, so die SGD Süd auf ihrer
Webseite. „Wir sehen Diskussionsbedarf. Wir möchten erfahren, wieso die KMW massiv
in neue Gaskraftwerke investiert, obwohl Mainz bis 2035 – wie vom Stadtrat beschlossen klimaneutral werden will und das Landesklimaschutzgesetz Treibhausgasneutralität bis
2040 vorgibt,“ so Michael Lengersdorff, Sprecher von MainzZero und fragt weiter: „Wie will
die KMW dies mit neuen Gaskraftwerken erreichen?“
Denn im Gegensatz zu den aktuellen Plänen ist sich die KMW ihrer Bedeutung für die
Energiewende bewusst. Auf der Startseite schreibt sie: „Modern, sozial, umweltbewusst“.
„Die Realität steht dazu aber im krassen Widerspruch“ so Guido Dahm von Netzwerk
Rheinland-Pfalz-Solar. Denn: Der von der KMW produzierte Strom stammt zu einem sehr
großen Teil aus der Verfeuerung von Gas. Dies macht einen nicht unwesentlichen Teil der
rheinland-pfälzischen Stromerzeugung aus. “Ohne die KMW kann unser Land nicht
klimaneutral werden – mit der aktuellen Planung aber auch nicht. Vor dem Hintergrund
der sich weiter beschleunigenden Erderwärmung müsse die KMW massiv in erneuerbare
Energien investieren, um unsere Lebensgrundlagen zu schützen“, so der Appell der
Verbände. Neue Studien zeigen, dass nicht nur bei der Verbrennung, sondern bereits bei
Förderung und Transport von Erdgas nennenswerte Mengen des extrem klimaschädlichen
Erdgases entweichen. Der Klimaschaden durch die Verstromung von Erdgas ist also
deutlich höher, als allgemein bekannt ist.
Umstellung auf Wasserstoff keine Lösung
Als Brennstoff dient Erdgas. Langfristig plant die KMW die Umstellung auf Wasserstoff.
„Ob die Umstellung auf Wasserstoff jemals realistisch, ökologisch und ökonomisch
sinnvoll sein wird, ist jedoch mehr als fraglich. Grüner Wasserstoff ist Mangelware.“, so
Prof. Thomas Hieke von den Christians for Future. Folgerichtig ist dies im Antrag der KMW
auch kein Thema. „Der Einsatz von Wasserstoff ist […] nicht Bestandteil der vorliegenden
Antragstellung.“ Das Gaskraftwerk ist als Grundlastkraftwerk geplant, nicht zur
Überbrückung sehr seltener, mehrtägiger sogenannter Dunkelflauten.
„Da der Bau jedoch laut der Homepage der KMW mit Investitionen von über 44 Millionen
verbunden ist, würde erneut eine alte, konventionelle Gaskraftwerkstechnik für
Jahrzehnte zementiert“, so Maren Goschke vom BUND Mainz.
Auch der Verzicht auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung hat bei den Einwendern für
große Irritation gesorgt. Die letzte Umweltverträglichkeitsprüfung stammt aus dem Jahr 2005. Vor 20 Jahren wurden die Auswirkungen der Erderwärmung auch in der
Wissenschaft noch unterschätzt, insbesondere die Beschleunigung der
Temperaturzunahme. „Der KMW scheint es völlig egal zu sein, dass Mainz bis 2035
klimaneutral sein will. Schlimmer noch – mit dem Bau des gasbetriebenen
‚Zukunftskraftwerks‘ und dieses Kraftwerks boykottieren sie die geplante und dringend
notwendige Klimaneutralität für Mainz,“ so die Befürchtung von Greenpeace Mainz-
Wiesbaden.
Batterietechnik bewährte und kostengünstige Stromspeicher
Schon seit 30 Jahren wird Gas als Brückentechnologie dargestellt. Dabei übernehmen
Batterien zunehmend die Rolle, die gasbetriebene Spitzenlastkraftwerke innehatten. Die
Kosten für Batterieanlagen sind inzwischen so stark gesunken, dass sie für kürzere und
kleinere Stromlücken bei den Erneuerbaren (das sind die allermeisten) auch in
Deutschland eine wirtschaftliche Variante zu Gaskraftwerken ohne Treibhausgasemissionen
darstellen. Eine Batterie (ohne Elektronik und Gehäuse), deren Produktion
vor 15 Jahren noch ca. 1.300 € pro kWh kostete, kann aktuell für 90 € hergestellt werden.
Also eine echte, kostengünstige und schnell verfügbare Alternative.
Während Batterien über Jahre genutzt werden können, muss Gas täglich neu geliefert
werden. Vor dem Hintergrund der zunehmenden internationalen Spannungen und dem
voranschreitenden Klimawandel ist der Wunsch der Einwender nach einer Diskussion mit
der SGD Süd und der KMW eine wichtige Form der Bürgerbeteiligung. Denn die
Widersprüche der KMW bei der Darstellung bzw. die Gründe für Gaskraftwerke müssen
aufgehoben bzw. beseitigt werden, um die Akzeptanz bei den Mainzerinnen und Mainzern
auf eine solide Basis zu stellen. Es ist nicht ersichtlich, warum sich die KMW gegen
treibhausgasneutrale Alternativen und für die klimaschädliche Varianten wider besseres
Wissen entscheidet. Wir alle tragen Verantwortung für die Lebensgrundlagen dieser und
zukünftiger Generationen, dies gilt insbesondere für Städte und städtische
Gesellschaften. Diese Verantwortung muss im Fokus allen politischen, wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Handelns stehen, so der abschließende Appell der einwendenden
Institutionen.
Pressekontakte:
Prof. Dr. Doris Vollmer, Scientists for Future Mainz
Tel.: +49 173 6727078
Mail: vollmer.doris@posteo.de
Prof. Dr. Friedhelm Schönfeld, Scientists for Future Mainz
Tel.: +49 151 20726956
Mail: friedhelm.schoenfeld@hs-rm.de